Nachtrag : Einige Fakten die diesem Artikel zugrunde liegen haben sich inzwischen geändert. So werden z.B. IGP Stdiengänge anerkannt. Die Form, wie das geschieht ist aber auch wiederum eine Farce. Absolventen des IGP – Studienganges erhalten die Lehrbefähigung für alle 3 Wettbewerbsklassen (31/A, 32/A, 77/A). Sie können mit ihrem Diplom Klassenunterricht, Instrumentalunterricht und in Musikschulen unterrichten, während es in Südtirol weiterhin für jede Rangliste eine separate Ausbildung gibt.
Seit der Reform von 1999 in der alle Konservatorien Italiens mit einem Schlag auf universitäre Ebene angehoben wurden stecken selbige in einer tiefen organisatorischen Kriese. Man strebt ein “internationales Niveau”, vergleichbar mit den Musikhochschulen Österreichs oder Deutschlands an, qualifizierte Fachkräfte dafür fehlen aber größtenteils. Und so begnügt man sich mit den Resourcen die da sind. Flickwerk, das bei genauerem hinschaun organisatorische Schwächen an allen Ecken und enden aufweist.
Paradebeispiel hierfür der erst kürzlich aus dem Boden gestampfte Studiengang für Instrumentaldidaktik am Musikkonservatorium “Claudio Monteverdi” in Bozen.
Ausbildung :
Genügte bis vor einem Jahr noch alleinig das Diplom und eine Lehrbefähigungsprüfung um in Mittel – und Oberschulen mit Musikalischer Ausrichtung (Ranglisten 31/A, 32/A, 77/A) unterrichten zu dürfen, so benötigt man nun Matura, Diplom und eine Musikdidaktische Ausbildung. Mit anderen Worten : Man muss mindestens 9 – 14 Jahre (Instrumentalstudium + Didaktikstudium) studieren um ein Instrument unterrichten zu dürfen. Ein drastischer Unterschied zu anderen Fächern (Mathematik, Deutsch)
IGP – Studiengänge die im Ausland absolviert wurden werden in Italien nicht mehr anerkannt. Dazu gibt es auch eine kleine Anekdote, denn ein paar Monate lang wurden IGP – Studiengänge für Instrumentalleher anerkannt. Christian Kröss und Christian Lechthaler hatten es in einem 4 Jahre dauernden juridischen Hürdenlauf geschafft, dass ihnen die im Ausland erworbenen Titel anerkannt werden. Nur wenige Monate später hatte das ganze dann doch keine Rechtsgrundlage mehr. Die Begründung war : Italien kann den Studientitel nicht anerkennen, da es keine derartige Ausbildung in Italien gibt.
Kosten :
Der Studiengang für Instrumentaldidaktik wurde mehr oder weniger mit aller Gewalt im laufenden Studienjahr (!) aus dem Boden gestampft. Die Folge ist ein wildes Durcheinander : Heuer dauert der Studiengang “nur” 6 Monate und man bezahlt dafür 1.600 Euro nächstes Jahr wird den Studenten der selbe Unterrichtsstoff in 2 Jahren beigebracht und man bezahlt 2.400 Euro.
Kompetenz :
Auch bei der Auswahl der Lehrkräfte sieht man wie hektisch und unkoordiniert die Organisation abgelaufen ist. Während in der italienischsprachigen Abteilung genügend qualifizierte Lehrkräfte gefunden werden konnten, unterrichten im deutschen Studiengang für Instrumentaldidaktik Lehrkräfte, die nicht über die notwendige pädagogische Ausbildung verfügen. Wie sollten sie auch, schließlich gab es diese Ausbildung in Italien bis jetzt noch nicht.
Fraglich ist auch, wie mich ein Professor in Instrumentaldidaktik für Mittel – und Oberschulen unterrichten will, wenn selbiger noch nie eine Mittel – oder Oberschule – außer zu seiner eigenen Schulzeit – von Innen gesehen hat und weiß, wie dort der Unterricht abläuft.
Aufnahmeprüfung :
Eine Aufnahmeprüfung wird nur in einigen wenigen Instrumenten angeboten. Es fehlt an Lehrkräften. Die Aufnahmekriterien sind viel zu hoch angelegt. So verlangt das Konservatorium von Aufnahmebewerbern Wissen, das es seinen Studenten selbst nicht, oder nur sehr oberflächlich beibringt.
Einige Beispiele : Hören von Akkordumkehrungen, vom Blatt singen in allen Schlüsseln, Klavierspielen.
Klavier als Nebenfach wird zwar in jeder Hochschule Europas unterrichtet, in Bozen bleibt dieses Privileg aber den Streichern vorbehalten. Ein Nachteil, den man nicht nur zu spüren bekommt wenn man Instrumentallehrer werden will, sondern auch, wenn man sich im Ausland weiterbilden möchte.
Dadurch dass der Studiengang im laufenden Studienjahr eingeführt wurde sind mögliche Bewerber bereits andere Verpflichtungen eingegangen. Wer Studieren wollte musste sich u.U. seinen laufenden Job unterbrechen bzw. aufgeben nur um eine unsichere Aussicht auf einen sicheren Platz in der Stamrolle zu haben.
Studenten :
“Lass diesen Kelch an mir vorübergehn…” Zumindest in der Öffentlichkeit schweigen die Studenten dieses Studienganges. Man weiß um die Missstände, doch man sitzt die Sache aus, kritisiert nur hinter vorgehaltener Hand, schließlich geht es um die Zukunft in einem gutbezahlten Job. Man sammelt Zettel, Zettel und abermals Zettel. Weil einem Instrumentalpädagogik interessiert studiert hier niemand. Man will in die Stammrolle, um jeden Preis, denn die Plätze werden so langsam rar.
Das Ganze einfach aussitzen wird wohl die beste Lösung sein, denn die gesamte Ausbildung ist so organisiert, dass sie wahrscheinlich keinem Rekurs eines Studierenden standhalten mag.
Druck vom Institut :
Riesen Druck auf das Konservatorium übt zur Zeit auch das Institut für Musikerziehung aus. “Es gräbt dem Konservatorium das Wasser ab” (Stuppner, Tageszeitung 02.04.) indem es die oben beschriebene Ausbildung für Instrumentalpädagogik umgeht. Instrumentallehrer, die im Institut für Musikerziehung unterrichten benötigen keinen pädagogischen Abschluß und keine Matura. Die Lehrer backt sich das Institut gewissermaßen selbst. “Self made teacher” sozusagen
Es genügt eine interne Qualifikationsprüfung und eine relativ kurze pädagogische Nachschulung. Wieso also instrumentaldidaktik studieren?
Für den Instrumentalunterricht an Mittel- und Oberschulen benötigt man bisweilen noch den Intrumentalpädagogischen Abschluß. Ob das so bleibt ist jedoch fraglich. Die Schulen sind autonom und es ist bereits an einigen Mittelschulen schon so, dass der Nachmittagsunterricht (Wahlfächer) an das Institut abgetreten wird.
Fraglich hierbei ist allerdings auch wie das Institut die Ranglisten 31/A, 32/A und 77/A übernehmen will, schließlich gelten die Musikschulen unseres Landes als überfüllt und es fehlt schon jetzt am nötigen Geld bzw. an Fachpersonal. Man sieht aber deutlich, dass es hier um mehr geht, wirtschaftliche Aspekte und die Vormachtstellung der musikalischen Ausbildung in Südtirol stehen im Vordergrund und da ist das Institut nun mal besser aufgestellt.
Deshalb sind im Moment die Führungskräfte der Musikschule und jene des Konservatoriums nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen. Des einen Freud, des andren Leid.
Nachtrag : Bildungsgesetz Artikel 17bis, die Privatisierung der öffentlichen Schule :
Schuld an dem Disaster ist die 5 Tage Woche in der Schule. Dieses System macht den Nachmittagsunterricht in der Schule unabdinglich. Dass da weniger Zeit für Sportverein, Musikschule, Feuerwehrproben, … usw. bleibt war von vornherein ersichtlich.
Außerdem versucht man an allen vor allem beim Lehrerpersonal zu sparen. Mit Artikel 17bis würden doch einige Stellen gestrichen und die Schule würde der Landesregierung weniger kosten.
Mit oben zitierten Gesetzentwurf wird das Katz- und Maus- Spiel aber umgedreht. Die Zeit die die Kinder im Sportverein oder in der Musikschule verbringen soll als Unterrichtszeit angerechnet werden. Manch Elternteil wird sich darüber freuen, dass ihre Kinder nun mehr Zeit zur Verfügung steht und es weniger Stress bei der Wocheneinteilung gibt. Für die Lehrkräfte an Mittelschulen wäre dies jedoch eine mittlere Katastrophe.
Und das gleich aus mehreren Gründen :
- Vordergründig geht es um die “Kundschaft” um die Schüler und damit auch um Lehrplätze an den Schulen. Die öffentliche Schule kann nicht mit der Vielseitigkeit externer, wirtschaftlich orientierter Vereine und Organisationen konkurieren. Bildung darf jedoch nicht auf den freien Markt geworfen werden.
- Artikel 17bis ist überaus schwammig formuliert. Jede Organisation erhält Zugriff auf die Schule, egal ob deren Personal qualifiziert ist oder nicht. Jeder wirklich jeder darf nun Ihr Kind unterrichten, soweit dies von der Direktion genehmigt wird. Es wir im Artikel kein Wort über Dokumentationspflicht, Anwesenheitsplicht bei Konferenzen, Qualifikation des Lehrpersonals, usw. verloren.
- Besonders deutlich wird dies bei den Fächern Sport und Musik ausfallen. Sportunterricht wird von Sportvereinen übernommen, Musikunterricht von Musikschulen. Das sind alles externe Organisationen, die auch mit entsprechenden Kosten verbunden sind, während das Angebot der öffentlichen Pflichtschule doch eigentlich frei von Kosten sein sollte.