Hört zu. Hört zu !! Ich habe ein todsicheres Konzept, einen Plan.
1.
Arbeitet nicht selbst, lasst andere eure Musik schreiben und Studioaufnahmen einspielen.
Das kostet nicht viel. Es gibt genug Profis die für einen Hungerlohn gute Songs nach Schema F schreiben und einspielen. Und das Beste: die Namen dieser kleinen Helferlein müsst ihr nirgendwo nennen. Ihr könnt so tun, als hättet ihr alles selbst gemacht.
Achtung! Der Pöbel, der eure Musik kauft weiß zwar nicht, wie gut ihr eure Instrumente beherrscht, erkennt aber durchaus die Stimme des/der Sängers/Sängerin wieder. Lasst deshalb zumindest die Hauptstimme von eurer/eurem Sängerin/Sänger aufnehmen. Autotune und manch anderes technisches Hilfsmittel helfen dabei, dass es trotzdem zu einem akzeptablen Ergebnis reicht.
Wenn euch so ein Klugscheißer darauf anspricht, könnt ihr gerne entgegnen, dass diese Vorgehensweise Usus bei allen industriell gefertigten Musikprodukten ist. Ganz wichtig ist hier, dass ihr Beispiele anbringt. Am besten sagt ihr sowas wie: neulich wart ihr zu einem Termin im Sony Studio eingeladen. Dort konnten wir sehen,wie Peter Weihe gerade eine Platte von Die Happy eingespielt hat.
Stellt euch als Opfer der Musikmaschinerie dar: ein Tag in einem Aufnahmestudio samt Tontechniker kostet unendlich viel. Und ein Studiomusiker nimmt die ganze Platte an einem Tag auf. Plattenlabel und Management zwingen euch aus wirtschaftlichen Gründen eure CDs einspielen zu lassen. Ihr könnt nichts dagegen tun.
Amen ich sage euch: Kompositionen die man nicht selbst geschrieben hat von profesionellen Studiomusikern und nicht von den eigenen Bandmitgliedern einspielen zu lassen ist kein Zeichen von Schwäche oder gar Unfähigkeit. Nein. Es zeugt vielmehr von einer professionellen Einstellung zur Kunst im Allgemeinen und von wirtschaftlichem Fingerspitzengefühl im Speziellen.
2.
Spielt mindestens Halbplayback, oder nur vereinfachte Versionen der Stücke, die andere geschrieben haben, damit euer Auftritt zumindest annähernd professionell wirkt.
Wenn euch so ein Klugscheißer darauf anspricht, könnt ihr ihm sagen das sei so Usus bei fast allen Live-Bands. Mikrofonierung und Beschallung sind so aufwendig, das sich das nur mehr ganz die großen Acts leisten können.
3.
Provoziert, polarisiert und bewegt euch in Grauzonen.
Wichtig ist, dass die Provokation öffentlich geschieht und ein geeigneter Zeitpunkt dafür gewählt wird. Es ist z.B. von Vorteil wenn Medienvertreter anwesend sind und die Aktion vor dem Erscheinungstermin eurer neuen CD über die Bühne geht.
Am meisten Gemüter erregt man immer noch mit Sex, Ekel, sinnlosen Beschimpfungen, Nationalismus. Es reichen schon Kleinigkeiten :
- Sängerinen tragen bei Auftritten und nach absprache mit dem Kameramann keinen Slip
- Spielt mit nationalistischem (nicht rassistischem) Gedankengut
- Brecht in aller Öffentlichkeit zusammen
- Zieht Fleischkleider an
- Lauft Nackt durch eine Stadt
- Streitet euch um Belanglosigkeiten mit Leuten, die ebenfalls in der Unterhaltungsindustrie arbeiten
Echte Fans wissen sowas zu schätzen.
Wenn euch so ein Klugscheißer darauf anspricht, habt ihr die Wahl :
- Ihr könnt alles abstreiten
- Ihr könnt euch distanzieren
- Ihr könnt euch entschuldigen d.h. die Schuld bei jemand anderem suchen
- Ihr könnt einfach nichts sagen, euch Popkorn holen und zusehen wie einfach PR funktioniert
In allen 4 Fällen passiert genau das selbe: ihr wart für kurze Zeit in den Medien und konntet euer Produkt vermarkten. Von euren Eskapaden spricht in ein paar Monaten niemand mehr, aber eure CDs stehen immer noch in den Regalen der dummen Käufer.
4.
Ist ein Mikrophon an und ihr werdet zu einer Person befragt, die ebenfalls in der Unterhaltungsindustrie arbeitet lobt ihr diese und deren Arbeit in höchsten Tönen.
Es sei denn, ihr habt einen Vertrag mit RTL, der die ganze Streiterei einen Monat lang in den Hauptnachrichten überträgt. Vielleicht ist jemand von RTL so freundlich und schreibt euch sogar ein Drehbuch. Scripted Reality ist für eure Zielgruppe nichts neues. Die wollen verarscht werden. Je plumper, desto größer die Zielgruppe. Für Reaktionen auf etwaige Klugscheißer siehe Punkt 3.
5.
Scheut euch nicht davor agressive Marketingmethoden einzusetzen.
- Stellt Leute ein die Musikforen mit euren Werbetexten zupflastern. Vielleicht findet sich auch ein bescheidenes Wesen, das derart hörig ist, dass es dies unentgeldlich macht.
Wenn ein Klugscheißer euren Spamer im Forum anpöbelt, könnt ihr euch getrost zurücklehnen. Derartige Beiträge sind meist in kleinen Mengen sogar erwünscht und die Schmerzgrenze liegt recht hoch. Sowas fällt ja auch unter freie Meinungsäußerung. Und schließlich ist es euer Fan. Ergo: ihr habt damit nichts zu tun! Es ist fast unmöglich nachzuweisen, dass der Spamer bei euch angestellt ist.
- Kauft positive CD Rezensionen in Musikzeitschriften und Artikel in Tageszeitungen. Am besten schreibt ihr den ganzen Text selbst und kauft eine ganzseitige Anzeige, die natürlich nicht von einem Redaktionellen Beitrag unterschieden werden kann. Gegen entsprechende Bezahlung macht das jede Zeitschrift, schließlich leben diese von Anzeigen und nicht von Abonnenten.
Einen Klugscheißer könnt ihr getrost als Verschwörungstheoretiker abstempeln, da es auch im Interresse der Zeitschrift ist, dass niemand etwas davon erfährt. So ist die Geschichte relativ Kugelsicher.
- Manipuliert die Charts. Es werden nur CD-Händler von Mediacontrol erfasst, die über eine Anbindung an das Bestellsystem PhonoNet verfügen. Es braucht “nur” 5000 CDs um in die Top 10 der Wochencharts zu gelangen. Wer das nötige Kleingeld hat und den Erfolg will kann ihn sich also rein theoretisch auch kaufen.
6.
Der Pöbel denkt Facebook-Freunde und Youtube-Clicks sagen etwas über eure Beliebtheit aus. Das ist gut so.
- Youtube:
Eine durschnittliche Bandhomepage hat 100-200 zugriffe pro Tag. Lasst einfach bei jedem Besuch automatisch euer youtube-video abspielen. Auf diese Weise erhält man für jeden Besucher auf der Homepage ebenfalls einen Click. Weiters postet ihr einen Youtube-Link in einschlägigen Porno-Foren beispielsweise unter dem Titel “Hottest Girl ever”. Ihr werdet sehen wie die Zugriffe steigen. 1/4 aller Suchanfragen im Internet haben pornografischen Inhalt.
- Facebook:
Die Facebook “i Like”-Funktion ist nun wirklich ein leichtes. Dafür reicht ein Blick auf Wikipedia und eine Suche bei Google. Das Ganze nennt sich Likejacking. Likejacking („Gefällt mir“-Entführung) ist eine Methode, um die Benutzer einer Internetseite durch den Klick auf einen (eventuell versteckten) Button dazu zu veranlassen, eine “Gefällt mir”-Aktion auf Facebook auszulösen, ohne dass der Benutzer dies beabsichtigt. Auch hier empfiehlt sich die Porno-Strategie vom vorhergehenden Absatz.
Auf Klugscheißer reagiert man am besten wie in Punkt 3 beschrieben.
7.
Spendet ab und an Geld, oder gebt Benefizkonzerte.
Das kommt gut bei allen an und ist gut für jedes Image. Sucht euch dabei irgendetwas mit Kindern, Behinderten, oder schlimmen Krankheiten.
Die Summe sollte im 4 – 5 stelligen Euro-Bereich liegen, damit jeder der davon erfährt auch weiß, dass ihr es wirklich ernst meint.
Die Summe braucht ihr dabei gar nicht aus eigener Tasche. Sammelt sie bei euren Fans. In der Öffentlichkeit hat dies den selben Effekt. Wichtig, ist nur, dass die Aktion unter eurem Namen läuft und publiziert wird.
Wenn ein Klugscheißer behauptet ihr würdet die armen, behinderten Kinder mit schlimmen Krankheiten instrumentalisieren und für euer Image mißbrauchen, so dürft ihr ihn beschimpfen und öffentlich steinigen.
Es bedarf eines reifen Intellekts um einer derartigen Gegenargumentation -sei sie auch noch so gut begründet- folgen zu können. D.h. ihr seid in der öffentlichen Wahrnehmung immer im Recht.
8.
Hüllt euer Schaffen in einen kosmopolitischen Mantel.
Zieht früher oder später in eine Großstadt oder spielt/studiert zumindest dort. Macht das, was alle Künstler in einer Großstadt tun …
… einfach da sein…
Stößt den kleinkarierten Hinterwäldlern ordentlich vor den Kopf und findet Gefallen in eurer Unverstandenheit. Lasst euch als Wahl-Berliner, Wahl-Pariser, Wahl-Londoner, Wahl-New Yorker bezeichnen.
9.
Vergesst nicht zu danken.
Dankt euren Fans, dass sie euch und euer Unternehmen finanzieren dankt euren Managern und Produzenten, dass sie den Pöbel dazu bringen euch zu finanzieren.